Steinkern-Preis

Verleihung des Steinkern-Preises 2023

Liebe Steinkern-Leserinnen und -Leser,

 

den Steinkern-Preis des Jahres 2023 erhält auf Beschluss der Steinkern-Jury Victor Schlampp (Rednitzhembach, Mittelfranken).

Steinkernpreis 2023 Victor Schlampp

 

Victor, wir gratulieren Dir hiermit ganz herzlich zur verdienten Auszeichnung!

 

Als Victor am 30. September 2023 60 Jahre alt wurde (hier geht´s zum Geburtstagsbeitrag), hätten wir ihm am liebsten den Steinkern-Preis bereits zu diesem Zeitpunkt verliehen, denn Jury-intern stand er tatsächlich schon wenige Tage vor seinem Ehrentag als Preisträger fest. Allerdings finden die Preisverleihungen jeweils erst am Jahrestag der Steinkern-Gründung (12. November) statt, insofern waren uns protokollarisch noch die Hände gebunden. Außerdem: Warum sollte man nur einmal feiern, wenn man es auch gleich zweimal hintereinander tun kann?

Liest man sich die Vergabekriterien für den Steinkern-Preis durch, könnte man meinen, das Preisträger-Profil sei von Anfang an ganz und gar auf Victor maßgeschneidert worden. Victor Schlampp, Jahrgang 1963, erfüllt praktisch alle Kriterien, wie im Rahmen des nachfolgenden Porträts, das neben Paläontologischem auch einiges Biografisches (in Victors Fall: Biostratigrafisches? ;-) ) enthält, deutlich wird:

Mit Fossilien kam Victor bereits in seiner Kindheit in Berührung – zunächst war es Material aus der Regensburger Oberkreide, das er nahe seines Heimatörtchens Lappersdorf im Landkreis Regensburg fand. Jura-Ammoniten Fehlanzeige – noch! Im Jahr 1974 stieß er dann endlich auf die ersten Oberjura-Ammoniten. Spätestens in diesem Moment wurde sein Interesse an Fossilien zu einer Passion fürs Leben. Beim Sammeln wurde er während seiner Kindheit und Jugend und auch des Öfteren noch im jungen Erwachsenenalter von seiner Mutter Franziska begleitet, die ebenso ausdauernd wie er war. Nach ihr wurde im Jahr 1991 sogar ein bis dahin unbekannter Oberjura-Ammonit benannt: Cymaceras franziskae.

Innerhalb weniger Jahre eignete sich Victor mit seinem Eifer, der ihm eigenen Pfiffigkeit und großer Wissbegier nicht nur eine schöne und immer umfangreicher werdende Sammlung an, sondern erwarb sich, u. a. gefördert durch Dr. Gerhard Schairer (1938–2012) von der Bayerischen Staatssammlung, auch profunde paläontologische Kenntnisse, die 1984 in einer Jugend-forscht-Arbeit mit dem Titel „Cymaceras guembeli und Cymaceras bidentosum – ein dimorphes Paar“ kulminierten. Victor (lat. für Gewinner) wäre nicht Victor, hätte er nicht mit dieser Arbeit den Bayerischen Landeswettbewerb gewonnen: nomen est omen! Im Bundeswettbewerb belegte er den 2. Rang.
Nach seiner Zeit bei der Bundeswehr, studierte er zwischen 1987 und 1993 Journalistik in Eichstätt, da er damals der Überzeugung war, dass ein Paläontologie-Studium ihn indirekt in die Arbeitslosigkeit geführt hätte. Nach erfolgreich abgeschlossenem Studium wurde er Zeitungsredakteur. Diesen Beruf übt er seither gern und mit Erfolg aus – und er ließ dem nimmermüden Victor glücklicherweise genug Raum für sein paläontologisches Wirken in der Freizeit. Sein Faible für klassische Musik (er spielt leidenschaftlich Keyboard) und seine Verbundenheit zur Kirche, in der er sich seit seiner Kindheit aktiv engagiert, sind weitere Facetten des Oberjura-Spezialisten.
Doch zurück zu Victors paläontologischem Schaffen. Ein weiterer Höhepunkt, der hier nicht unerwähnt bleiben soll, war die Publikation des Werkes „Malm-Ammoniten – Ein Bestimmungsatlas“, das 1991 im Goldschneck Verlag erschien. Ferner schrieb er häufig für die Fossilien-Zeitshchrift des Goldschneck Verlags von Werner K. Weidert, der auch Victors Malm-Ammonitenbuch verlegte (Abb. 1).

 

Victor Schlampp Malm Ammoniten

Abb. 1: Victors Malm Ammoniten Buch (Cover).

 

Bei der Wissensvermittlung an Fossiliensammler und interessierte Laien beschränkte Victor sich nicht auf gedruckte Publikationen, sondern beteiligte sich beispielsweise auch an Fossilien-Seminaren, half bei der Durchführung von Tagungen der VFMG im Frankenjura und begleitete immer wieder Exkursionen in Oberjura-Steinbrüche mit fachkundigen Führungen. Auch hielt er gleichermaßen unterhaltsame und lehrreiche Vorträge und war gern gesehener Gast auf Fossilienbörsen (vor allem der Petrefakta in Leinfelden-Echterdingen und der Gartenstadtbörse in Nürnberg) und z. B. beim Fürther Sammlerstammtisch.


Als das Zeitalter des Internets anbrach, war Victor von Anfang an bei Leitfossil.de (seit dessen Gründung 2003), dem Internetmagazin seines langjährigen Freundes und Förderers Andy Richter und Steinkern.de (ab 2005) mit von der Partie. Es kostete Steinkern-Mitbegründer Wolfgang Dietz auf den Treffen am Fürther Stammtisch zunächst einiges an Mühe Victor vom Steinkern-Projekt zu überzeugen, aber danach war er mit vollem Herzen und großer Kontinuität dabei. Die Betreuung des Oberjura-Forums gehört für Victor genau so zu den Routinen im Tagesablauf, wie Essen, Trinken, Arbeiten und Schlafen. Nahezu kein Anliegen eines Malm-Sammlers bleibt dementsprechend bei Steinkern unbeantwortet: Victor sei Dank! Geschätzt werden in der Community auch seine Homepage- und Galeriebeiträge sowie die nicht wenigen Artikel in der Steinkern-Zeitschrift, die zusammen addiert bereits über 100 Druckseiten ergeben.

 

Wenn Victors Begeisterung für Fossilien irgendwelche Grenzen kennt, dann sind dies allenfalls stratigrafische: Der Oberjura wird von ihm seit Langem klar favorisiert und Ammoniten sind für ihn das Nonplusultra (Abb. 2). D. h. jedoch keinesfalls, dass er sich nicht für andere Tiergruppen oder Zeitalter interessiert, aber er hat einen klaren Fokus. Einen guten Überblick hat er auch über die Ammoniten im Mittel- und Unterjura, Schichten in denen er vor allem in den ersten Jahrzehnten seiner Sammeltätigkeit (u. a. Sulzkirchen, Sengenthal usw.) viel selbst suchte. Die Liebe zum Frankenjura, speziell zu dessen oberster Abteilung, kommt nicht zuletzt in seiner Forensignatur zur Geltung: „Ein Leben ohne fränkische Malm-Ammoniten ist möglich, aber sinnlos.” Hier blitzt sein brillanter Humor auf, der die Forenmitglieder immer wieder aufs Neue zu erheitern vermag.

 

Victor Schlampp Steinkernpreistraeger2023

Abb. 2: Victor Schlampp inmitten seiner Oberjura-Schätze. Was es mit dem nummerierten Stück in Victors Händen auf sich hat, konnte die Jury nicht ermitteln. Es wird sicherlich kein beliebiger aus Verbundenheit zum Oberjura mitgeschleppter Gesteinsklotz sein! Vielleicht verrät es uns Victor? [Foto: Wolfgang Dietz]

 

Nachahmenswert ist auch Victors wissenschaftliche und zielgenaue Herangehensweise an das Sammeln. Als Ammoniten-Systematiker wurde ihm im Laufe der Jahre immer stärker bewusst, welch große Bedeutung dem horizontierten Sammeln zukommt. Schicht für Schicht entnommenes Material (in möglichst großer Zahl) verrät weit mehr über Variationsbreite und morphologische Entwicklungen von Spezies als isoliert betrachtete Lesefunde unbekannten stratigrafischen Ursprungs. Victor wird nicht müde, für diese Arbeitsweise zu werben und sie Interessierten zusammen mit taxonomischem Wissen zu vermitteln – mit zunehmendem Erfolg! Die Ansichten setzen sich dank stetem Werben nach und nach durch und färben auf die Arbeitsweise anderer Sammler ab. Auch unter Berufspaläontologen gewinnen Konzepte wie „Biospezies” und „Chronospezies” derweil an Bedeutung. Victor hat diese Konzepte nicht erfunden – sein Verdienst an dieser Stelle ist es, diese einem breiten Publikum vermittelt zu haben.

Für den Steinbruch Endress (Gräfenberg), seinen "Haussteinbruch", entwickelte er eine Eigennummerierung der Gesteinsbänke, die bei Sammlern verbreitet Anwendung findet. Geprägt hat er (soweit wir wisssen) auch den eingängigen Begriff „Grünling” für die glaukonitisch-grünen Ammoniten aus dem Gräfenberger Kimmeridgium. Sein guter Kontakt zu Wolfgang Endress und dessen paläontologisches Interesse und Weltoffenheit öffneten durch ihr glückliches Zusammenteffen die Tür für die Sammlertage und regelmäßige Exkursionsmöglichkeiten im Steinbruch des Wolfgang Endress Kalk- und Schotterwerk GmbH & Co. KG in Gräfenberg – hier entstand ein Projekt mit bundesweitem Vorbildcharakter, was den legalen Zugang zu einem Steinbruch für paläontologisch Interessierte betrifft. So werden alljährlich tausende Fossilien vor der Zementmühle bewahrt und es wird generationsübergreifend Begeisterung für die Paläontologie geweckt. Hier zeigt sich, dass Steinbrüche sowohl der Rohstoffgewinnung dienen können, als auch der Wissenschaft und deren Popularisierung, ohne dass dies den Wirtschaftsbetrieb in irgendeiner Weise beeinträchtigt. 2020 wirkte Victor als Co-Autor von Günter Schweigert bei der Aufstellung einer neuen Ammoniten-Spezies aus Gräfenberg mit: Hypowaagenia endressi, die Wolfgang Endress ehrt. Die Besonderheit des damals noch unbeschriebenen Taxons hatte Victor selbst erkannt und über ein Jahrzehnt lang durch eigene Aufsammlungen und Ankäufe eine repräsentative Auswahl an für die spätere Beschreibung geeignetem Typmaterial zusammengetragen.

Über mehrere Jahrzehnte häuften sich bei Victor enorme Materialmengen an. Neben unzähligen eigenen Funden aus dem Frankenjura kamen wiederholt durch gezielte Zukäufe von Regionalsammlungen mit wichtigem fränkischem Oberjura-Material sich exponentiell vergrößerende Bestände zusammen. In den letzten Jahren hat Victor einen Großteil der nicht inventarisierten Bestände reduziert (durch Präparation oder Abgabe) und die Qualität sowie den wissenschaftlichen Wert seiner Sammlung in diesem Zuge immer weiter gesteigert. Von der Reduzierung des immensen Materialberges profitierten immer wieder der von Dieter Henze ins Leben gerufene "Präpariertisch für Kinder" (heute fortgeführt vom Urzeithof Stolpe), den Victor seit Langem unterstützt, sowie die Steinkern-Community.

 

Lieber Victor, wir möchen Dir – stellvertretend für die gesamte Steinkern-Community – für Deinen hervorragenden Beitrag zum Steinkern-Projekt und darüber hinaus für die Paläontologie als Ganzes herzlich danken. Deine Arbeit ist Citizen Science im besten Sinne. Wir freuen uns immer wieder aufs Neue über Deine Mitwirkung bei Steinkern.de!


Als Preis im Gesamtwert von 500 € bekommst Du ein Porträt eines von Dir ausgesuchten Oberjura-Fossils und ) und einen Gutschein, den Du nach Deiner Wahl z. B. für Equipment, Sammlungszukäufe oder Präparationsdienstleistungen einsetzen kannst. Für das Zeichnen des Fossilporträts konnte die Jury, den Paläokünstler Horst Kuschel gewinnen, der bereits sehr viel Erfahrung mit der naturgetreuen Darstellung von Oberjura-Fossilien hat (Beispiel in Abb. 3).

Wir sind schon gespannt, auf welches Fossil Deine Wahl für die Zeichnung fallen wird!

 

Horst Kuschel Zeichnung Oberjuraammonit

Abb. 3: Beispiel der Zeichnung eines Oberjura-Ammoniten (nebst einem Laevaptychus) von Horst Kuschel.

 

 

Die Steinkern-Preis Jury (Bernhard Jochheim, Oliver Frank, Frank Raquet, Udo Resch und Sönke Simonsen) im Auftrag der Steinkern-Redaktion

 

 

Glückwünsche an den Steinkern-Preisträger im Forum:

Zum Forenbeitrag.

 


Weiterführendes:

Noch mehr über den Preisträger erfahrt ihr hier (mit zahlreichen Fotos von Victors Leben und Wirken):

Richter, A. E. (2013): 50 Jahre Victor Schlampp!

[Diesem Beitrag konnten einige Informationen für das obige Porträt entnommen werden.]